An meinen lieben Freund

Donnerstag, 26. April 2018, 19 Uhr, Pförtnerhaus
Freitag, 27. April 2018, 20 Uhr, Pförtnerhaus
Samstag, 28. April 2018, 17 Uhr, Frauenmuseum Hittisau

epos:quartett
Christine Busch Violine, Verena Sommer Violine, Klaus Christa Viola, François Poly Violoncello

Christoph Hackenberg, Joseph Haydn

Joseph Haydn (1732 – 1809) Streichquartett op. 33/6, D-Dur (1781)
W. A. Mozart (1756 – 1791) Streichquartett KV 464, A-Dur, (1784 / 85)
Joseph Haydn (1732 – 1809) Streichquartett op. 76/2 d-moll (1797)

Ein Fehler der etablierten Musikgeschichtsschreibung ist möglicherweise, dass sie das Genie zu isoliert betrachtet, dass sie die großen Komponisten zu sehr als Monolithen verehrt und zu wenig als Teil eines großen, fruchtbaren Kontinuums. Ein neuer Ansatz könnte sein, dass wir uns darauf konzentrieren, welche Lebensumstände es den sogenannten „Genies“ ermöglichten, so in den Himmel zu wachsen, wie sie es taten, und uns weniger damit zufrieden zu geben, diese „Genialität“ mit angeborenem Talent allein zu erklären.

Wenn wir die Beziehung zwischen Mozart und Haydn betrachten, wird uns klar, dass Mozart nur durch diese prägende Freundschaft mit ihm jener werden konnte, als den wir ihn verehren und lieben. Das Konzert „An meinen lieben Freund“ wird ein wichtiges Kapitel dieser Geschichte einer Freundschaft aufschlagen. Den sechs Streichquartetten, die Mozart seinem Freund Haydn widmete, stellt er einen Text voran, der in der Musikgeschichte seinesgleichen sucht:

An meinen lieben Freund Haydn. Ein Vater, der entschlossen ist, seine Kinder in die große Welt zu schicken, wird sie natürlich dem Schutz und der Führung eines darin hochberühmten Mannes anvertrauen, zumal es das Glück will, dass dieser sein bester Freund ist. Nimm hier, berühmter Mann und mein teuerster Freund, meine Kinder. Sie sind wahrhaftig  die Frucht einer langen und mühevollen Arbeit, doch ermutigte und tröstete mich die Hoffnung – einige Freunde flößten sie mir ein –, diese Arbeit wenigstens zum Teil belohnt zu sehen. Du selbst, teuerster Freund, warst es, der mir bei Deinem letzten Besuch in dieser Hauptstadt Deine Zufriedenheit zeigtest. Dieser Beifall hat mich vor allem mit Zuversicht erfüllt und so lege ich Dir sie denn ans Herz in der Hoffnung, sie werden Deiner Liebe nicht ganz unwürdig sein. Nimm sie also gnädig auf und sei ihnen Vater, Beschützer und Freund. Von diesem Augenblick an übertrage ich Dir all meine Rechte: ich flehe Dich aber an, betrachte mit Nachsicht ihre Fehler und Schwächen, die dem Vaterauge vielleicht verborgen geblieben sind, und bewahre mir ungeachtet dieser Fehler Deine großzügige Freundschaft, die ich so sehr schätze. Von ganzem Herzen bin ich dein ergebenster Freund.

WIEN, 1. SEPTEMBER 1785, W. A. MOZART.

Lesen wir diese Widmung, spüren wir es alle: Sie strömt über vor dankbarer Begeisterung – wir erahnen aber auch die große Verletzlichkeit des Komponisten Mozart seinem Freund und Idol gegenüber. Mozart, der sich dessen durchaus bewusst war, ein „großer“ Komponist zu sein, bittet seinen Meister um Nachsicht für die Fehler und Schwächen – er wusste, dass Haydn ihm die Tür zu jenem Universum, das er mit diesen Quartetten betrat, aufgestoßen hatte. Dies führt uns vielleicht zum Kern wahrer Freundschaft: Freunden gegenüber öffnen wir uns in unserer Unsicherheit und Verletzlichkeit.

Die Geschichte der Beziehung von Mozart und Haydn erzählt von den Schätzen echter Begegnung: Als Mozart die Partituren von Haydns sechs Quartetten op.33 zum ersten Mal durchblätterte, muss das eine tiefe Erschütterung für ihn gewesen sein, die sein Leben von einem Tag auf den anderen auf den Kopf stellte. Wir wissen dies so sicher, weil er diesem Eindruck folgend seine sechs Haydn gewidmeten Quartette geschrieben hat. Und in diesen begegnet uns ein neuer Mozart – kühner, freier und intensiver als je zuvor.

Am prominenten Beispiel von Mozart und Haydn sehen wir, wie fragil und kostbar wirkliche Begegnungen sind: Haydn war die einzige Person auf dieser Welt, die Mozart diesen entscheidenden Impuls geben konnte, weil er der einzige war, der in dieser „Gewichtsklasse“ komponierte. Ohne Haydns Werke, den Austausch mit ihm und vor allem den Glauben Haydns an das Genie Mozarts hätte dieser nie zu den Höchstleistungen auflaufen können, die seine letzten zehn Lebensjahre bestimmten.

Im Konzert „An meinen lieben Freund“ werden wir Haydn „höchstpersönlich“ begegnen, wie er sich an die Freundschaft mit Mozart erinnert, und in Tönen die Geschichte dieser Beziehung nachzeichnen. Wir lassen ein Werk aus Haydns Werkgruppe op. 33 erklingen, jenen Donnerschlag, der Mozarts Leben veränderte. Darauf folgt eines der sechs Quartette von Mozart, mit denen er auf Haydns op. 33 antwortete. Abschließend hören wir ein Quartett, das Haydn sechs Jahre nach Mozarts Tod komponierte und erleben in der Gegenüberstellung das beglückende Wechselspiel der beiden Komponisten, die sich gegenseitig erkannten, schätzten und voneinander lernten.

Andreas Feuerstein & Klaus Christa